verflixxt und zugeschnürrt

 

Der Sperrriemen

 

Meiner Meinung nach nur noch ein lästiger Schmarotzer in der Reiterei. Definition Schmarotzer = pflanzlicher oder tierischer Organismus, der in oder auf anderen Lebewesen lebt. Und meistens möchte man ihn ganz schnell wieder los werden.

 

"Mein Reitlehrer sagte, mach mal fester, dann gibt es mehr Punkte" oder "er streckt immer so die Zunge raus" sind nur einige Gründe warum der Sperrriemen seine Daseinsberechtigung anscheinend hat. Aber wo bleibt denn da das eigenverantwortliche Denken?

 

Wenn das Pferd die Zunge heraus streckt, hat das eine Ursache. Vielleicht die zu harte unruhige Hand? Könnte der Fehler bei einem selbst liegen? Und was könnte hier helfen? Eine Sitzschulung etwa? Ja, es ist außerordentlich löblich an den scheinbar kleinen Dingen zu arbeiten. Die entpuppen sich hier noch als ganz große. Jeder gute Reiter schult regelmäßig seinen Sitz. Was hat der mit dem Sperrriemen zu tun? Ganz einfach, es ist das große Ganze. Ich sehe zu Hauf hoppelnde Reiter im Sattel. Reiter die nicht "im Pferd" sondern "überm Pferd" sitzen und ganz verwundert sind, wenn sie nach zwei Übungen von mir, plötzlich aussitzen können. Wenn ich nicht in der Lage bin ausbalanciert zu sitzen und mitzuschwingen mit dem Pferd ist das sofort über die Hand im Pferdemaul zu spüren. Das Pferd sperrt das Maul auf. Nur zur Erinnerung "Mach mal den Sperrriemen fester."

 

Der Sperrriemen ist an allen handelsüblichen Trensen dran und schnürt dem Pferd das Maul zu und keiner weiß genau warum. Aber die Moderne nimmt Einzug. 

(Achtung Namensnennung wegen Werbung) Sabro oder Hillbury produzieren mittlerweile sehr schöne Trensen ohne Sperrriemen. Auch in der barocken Reitweise gibt es sie. Moment. Barock = Modern; ist barock nicht alt. Und wieso haben die keinen Sperrriemen?

 

Damals

Der Sperrriemen ist früher mal so verschnallt worden, wie auf dem Bild zu sehen. Natürlich etwas schöner als bei mir auf dem Bild. Diese Verschnallung gibt eine seitliche Führung und ein durchrutschen des Gebisses wird verhindert bei ausreichender Kautätigkeit (kein Zusperren). Reiter wurden gut ausgebildet. 

 

Dann kam der Krieg. Nicht nur Soldaten, sondern auch Bauern mussten reiten. Oft saßen sie noch nie auf einem Pferd und mussten nun auf ihnen kämpfen. Sie hielten sich natürlich an den Zügeln fest. Gepeinigt von Schmerz, rissen die Pferde ihre Mäuler weit auf. Kam es zum Sturz, brach oft der Kiefer.  Der Mensch  nicht dumm, band den Sperrriemen ums Maul herum, wie heute üblich. Die Kieferbrüche gingen zurück und Reiter und Pferd überlebten. Er war also durchaus sinnvoll damals.

 

Und er blieb... bis heute.

 

Kaschiert er doch so wunderbar die ungeübte Reiterhand. Gibt ja sonst auch Punktabzug auf den Turnieren. Den Druck soll er verteilen. Das Gebiss soll ruhiger damit im Maul liegen. Ja, aber nur wenn er wie oben beschrieben verschnallt wird. Solange Reiter nicht erklären können wofür er gebraucht wird und was für einen Nutzen er hat und nicht umsichtig  mit ihm umgehen, ist er für mich Zeugnis schlechten Reitens oder schlechten Ausbildens. 

 

Ich persönlich freue mich, wenn ich Reiter ohne Sperrriemen sehe. Denn dann hat sich jemand Gedanken gemacht.

 

Eure Nadine   reiten-physiologisch